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VertiefungTeil des Themen-HubsSchenkung
Schenkung nicht gemeldet: Anzeigepflicht und Konsequenzen
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Schenkung nicht gemeldet: Was tun?

Schenkung unter Freibetrag nicht gemeldet? Anzeigepflicht nach § 30 ErbStG, Nachholung, Konsequenzen und wann eine Selbstanzeige sinnvoll ist.

Florian Enders
Florian Enders
10 Min. Lesezeit

In meiner Beratungspraxis sehe ich diese Konstellation regelmäßig: Eine Familie hat über Jahre Geld an Kinder oder Enkel weitergegeben, in gutem Glauben, weil "es ja unter dem Freibetrag liegt". Erst beim Erbfall, einer Betriebsprüfung oder einer Bankmeldung wird die Sache zum Problem. In den allermeisten Fällen ist eine saubere Nachholung möglich — wenn man die richtige Reihenfolge kennt.

Auch unter dem Freibetrag: Die Anzeigepflicht besteht

Das ist der häufigste Irrtum bei Schenkungen: Viele Menschen gehen davon aus, dass eine Schenkung unterhalb des Freibetrags nicht gemeldet werden muss. Das ist falsch.

§ 30 Abs. 1 ErbStG regelt eindeutig: Jeder der Erbschaftsteuer (Schenkungsteuer) unterliegende Erwerb ist vom Erwerber innerhalb einer Frist von drei Monaten nach erlangter Kenntnis dem für die Verwaltung der Erbschaftsteuer zuständigen Finanzamt anzuzeigen. Auch der Schenker ist zur Anzeige verpflichtet (§ 30 Abs. 2 ErbStG).

Die Freibeträge bestimmen, ob Steuer anfällt. Die Anzeigepflicht besteht unabhängig davon.

Die persönlichen Freibeträge

VerwandtschaftsverhältnisFreibetrag
Ehepartner / eingetragener Lebenspartner500.000 EUR
Kinder (auch Stiefkinder, Adoptivkinder)400.000 EUR
Enkelkinder200.000 EUR
Eltern und Großeltern (bei Schenkung)20.000 EUR
Geschwister20.000 EUR
Nicht verwandte Personen20.000 EUR

Auch eine Schenkung von 10.000 EUR an Ihr Kind muss dem Finanzamt angezeigt werden. Es fällt keine Steuer an, weil der Freibetrag von 400.000 EUR nicht ausgeschöpft ist. Aber die Anzeigepflicht besteht trotzdem.

Was passiert, wenn Sie die Anzeige versäumt haben?

Die Konsequenzen hängen davon ab, ob durch die Nichtanzeige Steuern verkürzt wurden oder nicht.

Fall 1: Schenkung unter dem Freibetrag, keine Steuer

Wenn die Schenkung unter dem Freibetrag liegt und auch unter Berücksichtigung früherer Schenkungen keine Steuer anfällt, liegt in der Regel eine Ordnungswidrigkeit vor. Das Finanzamt kann ein Bußgeld verhängen.

In der Praxis werden einzelne Versäumnisse bei kleinen Beträgen selten verfolgt. Trotzdem sollten Sie die Anzeige nachholen. Denn das Finanzamt addiert alle Schenkungen innerhalb von zehn Jahren zusammen. Ohne Dokumentation verlieren Sie den Überblick.

Fall 2: Schenkung über dem Freibetrag, Steuer wurde verkürzt

Wenn durch die Nichtanzeige Schenkungsteuer hinterzogen wurde, liegt eine Steuerhinterziehung nach § 370 AO vor. Das ist eine Straftat, keine Ordnungswidrigkeit.

Mögliche Konsequenzen:

  • Nachzahlung der Schenkungsteuer mit 6 Prozent Zinsen pro Jahr (§ 235 AO)
  • Hinterziehungszinsen ab dem Zeitpunkt, zu dem das Finanzamt bei ordnungsgemäßer Anzeige die Steuer festgesetzt hätte (BFH, Urteil vom 28.08.2019, Az. II R 7/17)
  • Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren (§ 370 Abs. 1 AO)
  • Bei besonders schweren Fällen (ab 50.000 EUR verkürzter Steuer): Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis 10 Jahren

Realistische Belastung nach Schenkungshöhe (Steuerklasse II, Geschwister)

Vier typische Konstellationen aus meiner Beratungspraxis, jeweils bei Verzicht auf die Anzeige und späterer Aufdeckung durch das Finanzamt:

SchenkungssummeFreibetragSteuerpfl. ErwerbSteuersatzSchenkungsteuerHinterziehungszinsen (5 J.)Strafrahmen
50.000 EUR20.000 EUR30.000 EUR15 %4.500 EURca. 1.350 EURGeldstrafe, typisch 30-90 Tagessätze
200.000 EUR20.000 EUR180.000 EUR20 %36.000 EURca. 10.800 EURGeldstrafe, typisch 90-180 Tagessätze
500.000 EUR20.000 EUR480.000 EUR25 %120.000 EURca. 36.000 EUR"Besonders schwerer Fall" (>50.000 EUR), Freiheitsstrafe 6 Monate bis 10 Jahre möglich
1.000.000 EUR20.000 EUR980.000 EUR30 %294.000 EURca. 88.200 EURBesonders schwerer Fall, regelmäßig Freiheitsstrafe ohne Bewährung ab Hinterziehungsbeträgen über 1 Mio. EUR

Die Werte sind Richtwerte: Konkrete Belastung hängt vom Verwandtschaftsgrad, vorhandenen Vorschenkungen und dem persönlichen Umfeld ab. Bei Steuerklasse I (Kind, Ehepartner) sind die Sätze niedriger, der mathematische Mechanismus identisch.

Fall 3: Mehrere nicht gemeldete Schenkungen über Jahre

Dieses Szenario ist besonders heikel. Wenn über Jahre hinweg regelmäßig Schenkungen stattgefunden haben, die zusammengerechnet den Freibetrag überschreiten, kann eine erhebliche Steuernachforderung entstehen.

Beispiel: Eltern schenken ihrem Kind jedes Jahr 50.000 EUR, ohne die Schenkungen anzuzeigen. Nach acht Jahren sind 400.000 EUR zusammengekommen. Der Freibetrag ist ausgeschöpft. Ab der nächsten Schenkung fällt Schenkungsteuer an. Ohne Anzeige weiß das Finanzamt nicht, dass der Freibetrag bereits verbraucht ist.

Florian Enders, Steuerberater – Schenkung
Florian Enders, Steuerberater – Schenkung

Die Anzeige nachholen: So gehen Sie vor

Schritt 1: Bestandsaufnahme erstellen

Listen Sie alle Schenkungen der letzten zehn Jahre auf. Zu jeder Schenkung notieren Sie:

  • Datum der Schenkung
  • Art der Zuwendung (Geld, Immobilie, Wertpapiere, Sachwerte)
  • Wert der Zuwendung
  • Schenker und Beschenkter
  • Verwandtschaftsverhältnis

Schritt 2: Steuerliche Relevanz prüfen

Addieren Sie alle Schenkungen zwischen denselben Personen innerhalb der letzten zehn Jahre. Vergleichen Sie die Summe mit dem persönlichen Freibetrag. Falls die Summe den Freibetrag übersteigt, fällt auf den übersteigenden Betrag Schenkungsteuer an.

Schritt 3: Formlose Anzeige beim Finanzamt

Die Anzeige kann formlos erfolgen. Ein einfaches Schreiben an das zuständige Erbschaft- und Schenkungsteuerfinanzamt genügt.

Das Schreiben sollte enthalten:

  • Name und Anschrift des Schenkers
  • Name und Anschrift des Beschenkten
  • Verwandtschaftsverhältnis
  • Gegenstand und Wert der Schenkung
  • Datum der Zuwendung
  • Hinweis, dass es sich um eine nachträgliche Anzeige handelt

Schritt 4: Steuerberater einschalten

Wenn die Schenkungen den Freibetrag überschreiten, sollten Sie vor der Anzeige einen Steuerberater konsultieren. Gerade bei der Formulierung einer nachträglichen Anzeige kann eine unabhängige steuerliche Zweitmeinung entscheidend sein, denn sie hat Einfluss darauf, ob das Finanzamt einen Straftatbestand prüft.

Selbstanzeige nach § 371 AO

Wurde durch die nicht angezeigten Schenkungen Steuer hinterzogen, kann eine strafbefreiende Selbstanzeige in Betracht kommen.

Bei mehreren nicht gemeldeten Schenkungen über Jahre kann zudem eine Restrukturierung des bisherigen Übertragungs-Modells sinnvoll werden — typischerweise über einen Familienpool als Gesellschaft bürgerlichen Rechts oder GmbH & Co., der laufende Schenkungen strukturiert und dokumentiert.

Wichtig zu wissen — und ein Punkt, den viele Mandanten beim ersten Gespräch übersehen: Auch ohne strafbefreiende Selbstanzeige läuft die Festsetzungsfrist für die Schenkungsteuer nicht automatisch ab. Der BFH hat in seinem Urteil vom 27.08.2025 (Az. II R 1/23) bestätigt: Solange das Finanzamt nach einer Anzeige zur Abgabe einer Steuererklärung auffordert, endet die Anlaufhemmung nach § 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO frühestens mit Ablauf des Kalenderjahres, in dem die Erklärung eingereicht wird, spätestens mit Ablauf des dritten Kalenderjahres nach Steuerentstehung. Ohne Anzeige greift diese Hemmung gar nicht — die Steuer verjährt schlicht nicht.

Voraussetzungen für die strafbefreiende Wirkung

  • Vollständigkeit: Die Selbstanzeige muss alle nicht angezeigten Schenkungen der letzten zehn Jahre umfassen. Eine Teilselbstanzeige ist seit 2015 nicht mehr strafbefreiend.
  • Rechtzeitigkeit: Die Selbstanzeige muss vor der Entdeckung durch das Finanzamt erfolgen. Sobald ein Prüfungsverfahren eingeleitet ist, ist die Selbstanzeige gesperrt.
  • Nachzahlung: Die hinterzogene Steuer muss zügig nachgezahlt werden, zuzüglich 6 Prozent Zinsen pro Jahr.
  • Zuschlag: Bei hinterzogener Steuer über 25.000 EUR fällt ein Zuschlag von 10 Prozent an (§ 398a AO). Über 100.000 EUR beträgt der Zuschlag 15 Prozent, über 1.000.000 EUR sind es 20 Prozent.

Wann die Selbstanzeige NICHT wirkt

Die Selbstanzeige ist ausgeschlossen, wenn:

  • Eine Betriebsprüfung oder Steuerfahndung bereits angekündigt ist
  • Das Finanzamt die Tat bereits entdeckt hat
  • Die Selbstanzeige unvollständig ist (fehlende Schenkungen)

Dringender Hinweis: Eine Selbstanzeige sollten Sie niemals ohne anwaltliche oder steuerberaterliche Begleitung einreichen. Formfehler können die strafbefreiende Wirkung zerstören. Wer solche Situationen von vornherein vermeiden will, sollte Vermögensübertragungen im Rahmen einer strukturierten Nachfolgeplanung vornehmen.

Anzeigepflicht: Die wichtigsten Ausnahmen

Nicht jede Zuwendung muss angezeigt werden. § 30 Abs. 3 ErbStG nennt Ausnahmen:

  • Notariell beurkundete Schenkungen: Bei Schenkungen, die notariell beurkundet wurden (z.B. Immobilienübertragungen), übernimmt der Notar die Anzeige an das Finanzamt. Sie müssen nicht selbst tätig werden.
  • Gerichtlich oder behördlich beurkundete Erwerbe: Wenn ein Gericht oder eine Behörde den Erwerb beurkundet hat, entfällt die Anzeigepflicht des Erwerbers.
  • Zuwendungen unter Ehegatten: Gelegenheitsgeschenke unter Ehegatten in üblichem Umfang (Geburtstag, Weihnachten) lösen in der Regel keine Anzeigepflicht aus, wenn sie den Rahmen des Angemessenen nicht überschreiten.

Häufige Fragen

Woher weiß das Finanzamt von einer Schenkung?

Das Finanzamt erfährt auf verschiedenen Wegen von Schenkungen: durch Mitteilungen der Banken bei ungewöhnlichen Kontobewegungen, durch Notare bei Immobilienübertragungen, durch Grundbuchämter, im Rahmen von Betriebsprüfungen oder durch Erbschaftsteuererklärungen im Todesfall. Besonders bei Holdingstrukturen und Unternehmensbeteiligungen sind die Transparenzanforderungen hoch.

Verjährt die Anzeigepflicht?

Die Festsetzungsfrist für die Schenkungsteuer beträgt regulär vier Jahre. Bei leichtfertiger Steuerverkürzung verlängert sie sich auf fünf Jahre. Bei Steuerhinterziehung beträgt die Festsetzungsfrist zehn Jahre (§ 169 Abs. 2 AO). Die Frist beginnt erst mit Ablauf des Jahres, in dem die Anzeige hätte abgegeben werden müssen.

Achtung: Solange die Anzeige nicht erstattet wird, beginnt die Festsetzungsfrist nicht zu laufen (§ 170 Abs. 5 Nr. 2 AO). Ohne Anzeige verjaehrt die Schenkungsteuer also nicht.

Muss ich eine Geldschenkung von 5.000 EUR an mein Kind melden?

Ja. Die Anzeigepflicht besteht unabhängig von der Höhe der Schenkung und unabhängig davon, ob der Freibetrag ausgeschöpft ist. Es fällt zwar keine Steuer an, aber die Anzeige ist Pflicht.

Nächste Schritte

Wenn Sie eine oder mehrere Schenkungen nicht angezeigt haben, sollten Sie das zeitnah nachholen. Je länger Sie warten, desto schwieriger wird die Situation, falls das Finanzamt die Schenkungen von sich aus entdeckt.

Lesen Sie unseren Ratgeber zu Schenkungsfreibeträgen für einen vollständigen Überblick über Freibeträge und Gestaltungsmöglichkeiten. Berechnen Sie mit dem Erbschaftsteuer-Rechner, ob und in welcher Höhe Steuern anfallen. Der Erbschafts-Navigator hilft Ihnen, Ihre Situation strukturiert zu erfassen. Für eine individuelle Einschätzung vereinbaren Sie ein Erstgespräch.

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Bei nicht-gemeldeten Schenkungen ist die strafrechtliche Komponente (§ 370 AO Steuerhinterziehung) das eigentliche Problem — nicht nur die Steuer selbst. Eine Selbstanzeige nach § 371 AO muss formal exakt sein, sonst ist sie unwirksam. Ein 30-Minuten-Erstgespräch klärt, ob Selbstanzeige, Nachmeldung oder andere Strategie der richtige Weg ist.

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